Bericht aus dem India Peace Center

Nachricht 01. Mai 2020

Wie man die Unberührbaren berührt -eine Reflektion aus indischer Perspektive

 

Das Coronavirus macht die ganze Welt unberührbar. Für viele Menschen ist es Folter, sich nicht berühren und begegnen zu können. In Indien hingegen,  ist eine Form der Unberührbarkeit seit langem im System verankert. Unberührbarkeit hängt mit dem immer noch praktizierten Kastensystem zusammen. Denn die Menschen, die auf Basis dieses diskriminierenden Systems keinen Platz im System finden, die sogenannten “Dalits”,  gelten als unberührbar.  Ist jemand ein Unberührbarer oder eine Unberührbare, wird sie von den Menschen höherer Kasten nicht berührt, da die Hierarchie vorgibt man würde sich sonst beschmutzen. 

Die diskriminierende und grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung von fast 300 Millionen Menschen in Indien wurde über viele Jahre auf Grundlage des etablierten Systems gerechtfertigt. Die Kastenzugehörigkeit ist abstammungsbasiert und erblich. Keine Fähigkeit und kein Merkmal entscheidet über einen großen Teil des persönlichen Schicksals, sondern allein die Kaste der Familie. Sie ist unabhängig von dem Glauben, den die Person praktiziert. Die Kaste bezeichnet ein traditionelles System der starren sozialen Schichtung in Ranggruppen, die durch die Herkunft und den Beruf definiert sind. In Indien dominieren Spaltungen in den Bereichen Wohnen, Heirat, Beschäftigung und in der  allgemeinen sozialen Interaktion- Spaltungen, die durch die Praxis und Bedrohung durch soziale Ächtung, ökonomische Boykotte und physische Gewalt verstärkt werden. Unberührbarkeit ist also nicht nur eine soziale Diskriminierung, sie verweigert systematisch und ultimativ grundlegende Menschenrechte für Personen, die auf Grund ihrer Herkunft nicht in das System passen.

Die rasche Ausbreitung des Coronavirus und die Versuche diese Ausbreitung zu stoppen, haben die kastenbasierte Spaltung und die Not der Dalits weiter  verschlimmert.  Es scheint fast ironisch, dass ein Virus weniger diskriminiert, als die Gesellschaft. Gesellschaftliche Strukturen, die von unterdrückenden Kräften wie Kasteismus, Klassismus, Kommunalismus, Elitismus und  durch das Patriarchat geprägt sind, machen die Menschen, die bereits an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, noch verwundbarer.  Dalits wird oft die Aufnahme in Krankenhäuser verweigert, oder der Zugang zu Gesundheitsversorgung und akkurater Behandlung. Diese Tatsache verletzt grundlegende Menschenrechte. Findet ein Dalit Aufnahme in einem öffentlichen Krankenhaus, die mit dem Standard der privaten Krankenhäuser nicht zu vergleichen sind, werden sie meist trotzdem strukturell diskriminiert, schlechter  behandelt oder hinten angestellt.

Aber hier hört die Diskriminierung nicht auf:  Die Gesellschaft reserviert bestimmte Berufe für die Dalits, die sie oft zur Zwangsprostitution zwingen und in dem ausschließlich für sie reservierten Berufsfeld “scavengers” bedrohlichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt werden. Ein scavenger ist ein Arbeiter, der sich um die Beseitigung menschlicher Ausscheidungen kümmert, wie  zum Beispiel Kot und Urin. Sie werden oft auch zur Verbrennung der Toten eingesetzt. Scavengers sind routinemäßig sowohl menschlichen als auch tierischen Abfällen ausgesetzt, ohne den Schutz von Masken, Uniformen, Handschuhen, Schuhen sowie entsprechenden Eimern und Mops. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Während die Welt zum Stillstand kommt, kümmern sich die Politiker*innen hauptsächlich um die wirtschaftlichen Folgen der Krise. Sie kümmern sich um die Weltwirtschaft und nicht um Einzelschicksale. Geld steht immer an erster Stelle und für viele Menschen ist es  leider wichtiger als die Beachtung der Menschenrechte. Millionen von Tagelöhnern, hauptsächlich Dalits,  haben ihr Leben, ihren job und ihren Lebensunterhalt verloren. Sie sind hunderte Kilometer gelaufen, um ihre Familien vor dem Virus zu schützen, aber wurden gnadenlos von den Dorfvorstehers beseitigt. Wenn sie noch leben durften, wurden sie mit Desinfektionsmittel besprüht, als wären sie Tiere. 

Gerade jetzt, in einer solch schwierigen Zeit, wird die christliche Gemeinschaft und, die mit ihr zusammenhängende, Liebe gebraucht. Vor allem von den Ärmsten- den Dalits.  Jetzt ist die Zeit, ein guter Samariter zu sein und die Liebe Gottes in sich selbst weiterzugeben, besonders an die Menschen, die unberührbar sind. Zwar geht es momentan oft nur virtuell, aber unsere Worte und Gedanken, unsere Gebete, sie ermöglichen es, den Dalits Hoffnung zu spenden und für ihre Sicherheit zu sorgen. 

Wir können über ihre Schicksale in unsere Gebeten reden, Gott bitten sie zu beschützen und ihnen in einem wertschätzenden Sinne begegnen- wir können sie wahrnehmen und sehen, sie berühren, wenn momentan zwar nicht körperlich, aber mit unseren Herzen. Und dafür sorgen, dass gerade  sie unbeschadet und gesund aus dieser Krise kommen. Dies sei die wahre gute Botschaft für die Armen, wie es im Nazareth Manifest in Lukas 4, 16- 20 erwähnt wird. 

Bleiben Sie gesegnet und seien Sie ein Segen für die Welt.

Pastor Kasta Dip