1. Vorgeschichte
Der
Plan einer zweiten evangelischen Kirche in Soltau entstand Ende des letzten
Jahrhunderts, da die Einwohnerzahl der Stadt durch Ansiedlung von Industrie und
nach dem Eisenbahnanschluß rasch zunahm. Das Vorhaben wurde beschleunigt, als
zu Weihnachten 1906 die St.Johannis-Kirche niederbrannte und anschließend ohne
zweite Empore wiederaufgebaut wurde ( 1907/08 ).
2. Baugeschichte
Am
20.7.1910 legte Superintendent Robert Stalmann den Grundstein für die zweite
Kirche, deren Platz damals am Stadtrand lag („Heises Barg“,
Zigeunerlagerplatz). Die Pläne (einschließlich des Pfarrhauses) entwarf
Architekt Eduard Wendebourg, Hannover (vgl. Tafel an der Nordseite). Der
Grundriß bildet ein liegendes Kreuz, wobei Längs-und Querachse im Verhältnis 3
zu 2 stehen (Goldener Schnitt). Am 3. Advent, 17.12.1911, konnte die neue
Kirche eingeweiht werden; sie erhielt den Namen des deutschen Reformators (vgl.
Kanzelinschrift: EG 362,4). Es ist der letzte große Sakralbau von E. Wendebourg
(1857-1940), Schüler von Conrad Wilhelm Hase.
3. Ein paar Zahlen und die weitere Entwicklung
Da
sich gegen den Bau einer zweiten Kirche Widerstand erhob, wollte der
Kirchenvorstand aus Kostengründen auf den Turm verzichten. Doch Soltauer
Fabrikanten spendeten in kurzer Zeit 36.000 Mark. Die Gesamtkosten betrugen
200.000 Mark. Der Turm ist 58 m hoch. Er enthält bereits die dritten Glocken;
in beiden Weltkriegen mußten die Bronzeglocken abgeliefert werden. Die jetzigen
drei Stahlglocken wurden 1951 angeschafft. 1961 wurde der Turm mit Kupfer
eingedeckt. 1969 folgte ein neues Ziegeldach, das die Stürme 1972 und 1976
erheblich beschädigten. Die Kirche, die vorübergehend auch für
Garnisonsgottesdienste diente, hat nach dem Entfernen einiger Bänke ca. 900
Sitzplätze. Die Innenrenovierung von 1958 (Prof.Dr.E.Witt) hat leider die
ursprüngliche Ausmalung von Friedrich Koch beseitigt (siehe Proben an der
Empore und am Ständer neben der Kanzel). Um Fenster und Türen ist der Backstein
1985/87 wieder freigelegt worden. 1986/94 wurden zwei Ränder (einschließlich
Querbalken) am Mittelgang und die Emporenbrüstungen restauriert.
4. Kunstgegenstände und Orgel
Kanzel und Altar gestaltete Holzschnitzer
Wilh. Sagebiel (1855-1940) aus Braunschweig. Eindrucksvoll erhebt sich das
Kreuz (Karfreitag) über dem Abendmahl (Gründonnerstag) vor dem Bild der
Auferstehung (Ostern). Die drei Buntglasfenster
schufen Henning und Anders, Hannover. Der große Kronleuchter aus der Hegemannschen Gelbgießerei ist mit 12 Toren
(Offb.21, 12f) - als Sinnbild der neuen Welt - und Ornamenten des Jugendstils
geschmückt. Alle Kunstwerke wurden gestiftet.
Die
Orgel (2 Manuale und Pedal, 18
Register) wurde 1977 von Beckerath, Hamburg, erbaut. Der Orgelprospekt stammt
aus Eschede (Werkstatt Joh. Meyer, Hannover 1855).
Im
Turmraum hinter der Orgel, der auch als Kinderspielraum dient, befinden sich
fünf Ölgemälde von Fritz Berger
(1893-1974).
5. Pastorinnen und Pastoren an der Lutherkirche
Eduard Salfeld (1908-48), gest. 1957 in Soltau
Rudolf
Hofmann (1949-54), Ruhestand in Essen
Wolfgang
Böhme (1954-63), gest. 1979 in
Langenhagen
Hermann
Köhne (1964-75), gest. 1998 in
Göttingen
Bendix
Wendte (1974-75), gest. 1975 in
Hannover
Karl-H.
Friebe (1975-77) jetzt Hannover
Eva
Matz (1978-84) Ruhestand in
Deutsch Evern
Heinrich
Kröger (1959-94), Ruhestand in Soltau
Detlef
Stumpe (1995-98) jetzt Haselünne
Birgit
Löhmann (1998-2000) jetzt Hannover
Klaus
Weber (1985-2000) Ruhestand in
Königswusterhausen
Magdalena
Tiebel-Gerdes u.
Johannes
Dieckow (2007 – 2009) jetzt Bad Bevensen
Kathrin
u. Wilko Burgwal seit 2010 (Pfarrbezirk I)
6. Weitere Bauten
1912/13 Pfarrhaus I (Birkenstr.3) mit Gemeinderaum
1959/61 Bugenhagenhaus (Bugenhagenweg), mit Wohnung
(verkauft 2006)
1964/65 Pfarrhaus II (Birkenstr.2) mit Kirchenbüro
(verkauft 2006)
1969/70 Kindergarten (Pestalozzistr.35)
1978/79 Pfarrhaus III (Habichtsweg 3)
1980/82 Melanchthonhaus (Habichtsweg 1) (verkauft
2007)
2007 Gemeindehaus an der Lutherkirche
(Birkenstraße 1)
7.
Gemeinde und Pfarramt
50 Jahre bildete die Gemeinde einen Pfarrbezirk von St.Johannis. 1959 gelang die Anstellung eines zweiten Pastors. Im Januar 1964 wurde die Lutherkirche selbständig. 1973 kam die dritte Pfarrstelle hinzu. Die Gemeinde hat ca. 6.700 Mitglieder (Stand 1999) . Zum Pfarramt gehören auch Diakon und Kantor.
8.
Zum Altarbild
Das Kreuz im Grundriß der Kirche findet seine Entsprechung im großen Kreuz, das den Altarraum beherrscht und das ursprünglich keinen Kruzifixus getragen hat. Von allen Seiten zieht es den Blick der Besucher an und erinnert die Gemeinde immer wieder an Karfreitag als Mitte des Heilsgeschehens. Zur Deutung des Todes Jesu auf Golgata dient das Abendmahlsbild mit vier Hinweisfiguren aus dem Alten Testament. Im Zentrum des Bildes steht Christus mit dem Kelch in der Hand. Der Schnittpunkt der Diagonalen liegt auf seiner Brust. Was Jesus für die Seinen im Herzen hat, findet seinen Ausdruck in der Stiftung des Abendmahls. Die Inschrift am Fuße des Kreuzes ist zugleich die Überschrift des Abendmahls: Durch seine Wunden sind wir geheilt (Jes. 53,5, Lesung für den Karfreitag, vgl. auch 1. Petrus 2, 24).
Je
zwei alttestamentliche Gestalten weisen auf das Opfer Christi am Kreuz hin,
dessen Segen der Gemeinde im Abendmahl zuteil
wird. Abel mit dem
Lamm gibt ein doppeltes Zeichen: Er ist der erste, der sein Leben lassen mußte (1.Mose
4; Hebr. 11, 4); das Lamm in seinem Arm deutet auf das Wort des Täufers: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt
Sünde trägt (Joh.1, 29).
Neben diese Knechtsgestalt tritt der Priesterkönig Melchisedek, der dem siegreichen Abraham Brot und Wein als Zeichen der Gastfreundschaft entgegenbringt (1. Mose 14, 17-21; Hebr. 7, 1-4).
Auf der rechten Seite schließen sich zwei entsprechende Gestalten an: Zuerst Isaak, der auf dem Weg zur Opferstätte ein Bündel Holz trägt (1. Mose 22; Hebr. 11, 17-19), womit auf das Kreuz verwiesen wird. Daneben steht Aaron, der Begründer des jüdischen Priestertums (2. Mose 28), mit einem Räuchergefäß, das im übertragenen Sinn auf den Dienst des Gebets hinweist ( Ps. 141, 2 und Offb. 8, 4). Diese vierte Figur blickt dem entgegen, der aus der Sakristei zum Gebet an den Altar tritt, dort das Sakrament austeilt und den aaronitischen Segen spricht: Der Herr segne und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6, 24-26). Dieses letzte Wort wird durch die Palmwedel von Weihnachten und Ostern sowie an den Bänken (Einzug Jesu in Jerusalem) symbolisiert.